• Jirka A. Bacik

e-Learning in-house: Der Praktikant rockt den Laden

Nichts gegen Praktikanten (und Praktikantinnen). Das sind immer qualifiziertere Leute, meistens hochmotiviert. Ich war selber mal einer, in einem Forschungsinstitut. Motiviert war ich auch. Aber das ist schon sehr lange her. Und jetzt zur Sache...


Nicht selten beobachte ich, dass in den Bildungsabteilungen von Unternehmen sehr junge Kollegen (und nicht selten eben auch Praktikanten) für das Thema E-Learning zuständig sind - und dabei mitunter ganz schön viel Verantwortung tragen. Grundsätzlich ist das toll. Junge Leute sollen schnell Verantwortung tragen können. Wenn sie nicht mehr betüddelt werden müssen und (jetzt kommts:) ihr Metier bewiesenermaßen beherrschen.

Das Blöde am E-Learning: Das ist (noch) gar kein richtiges Metier. Bzw. eine Profession, hinsichtlich derer sich Experten und Institutionen einig sind, was ein Fachmann eigentlich so drauf haben muss. E-Learning ist ein Arbeitsfeld mit einem bisher noch immer sehr niedrigen Professionalisierungs- und Spezialisierungsgrad. Und so lange das so ist, kann natürlich jeder behaupten (ich selbstverständlich eingeschlossen), dass er der größte Guru in der Hood ist, dass seine Methoden und Tools am besten funktionieren. Lest einfach mal ein paar Blogs zum Thema E-Learning: da kommen monatlich neue Buzzwords und Trends ins Spiel (und sind genauso schnell wieder weg vom Fenster). Was der ganzen Herumhyperei obendrein noch zuträglich ist: Es ist ziemlich schwer zu messen, ob irgendein Kurs, also Lernen, wirklich erfolgreich verlaufen ist oder nicht: Am Nachweis des ROI (return on investment) von Lernaktivitäten beißt man sich meistens ganz schön die Zähne aus.

Also haben wir es hier mit einer ziemlich komplexen Sache zu tun, die Recruiter oft auf eine pfiffige Art lösen: sie resignieren vor der Komplexität eines noch nicht etablierten Berufsfeldes und schreiben in ihre Stellenanzeigen alles rein, was ihnen zum Thema E-Learning einfällt. Also in etwa so: Sie sind Kommunikationswissenschaftler, Pädagoge, Informatiker, BWLer oder Preisboxer, können gut schreiben, malen, programmieren, strukturieren und elaborieren, beherrschen alle marktgängigen Lernmanagementsysteme und Entwicklungstools für Content. In mindestens acht Sprachen, drunter machen wirs nicht. Sie meinen, ich übertreibe: dann schauen Sie sich einfach mal ein paar solcher Stellenanzeigen an. Die Bewerberauswahl wird dann leicht zu einer Art Bingo - und digital natives haben dabei zumeist die besseren Karten.

Denn E-Learning ist ja was mit Internet und so. Und das haben die digital natives halt von Haus aus besser drauf. Die wissen, wie man einen Blog aufmacht, können Videos editieren - und sie kennen die Dynamik sozialer Netzwerke. Sie kommen auch schneller mal mit unkonventionellen Ideen ums Eck. Gute Sache. Keine Ironie; das sind wichtige Kompetenzen. E-Learning ist aber nicht nur jung und hip, sondern im Idealfall auch in der Strategie einer Organisation verankert, auf lange Sicht zeit- und kosteneffektiv organisiert sowie didaktisch angemessen gestaltet. Und nicht zuletzt sollte die UX situativ und zielgruppenspezifisch angepasst sein. Ein Fachmann allein kann das nicht. Und wenn er es kann, dann ist er nicht in der Preisklasse besagter Stellenangebote zu haben.

Wenn sich die E-Learning-Strategie mit dem Begriff "Bingo" zusammenfassen lässt, dann ist man auf dünnem Eis unterwegs. Aber mindestens genauso riskant ist es, sich auf Anbieter oder Berater zu verlassen, die Ihnen einen bestimmten Ansatz als den allein seligmachenden verkaufen wollen (sagt der Berater...). Wenn Sie einem Anbieter/Berater mal auf den Zahn fühlen wollen, fragen Sie ihn einfach mal, für wie toll er so Sachen wie Microlearning, Gamification, Storytelling (oder jeden anderen Hype der Branche) hält:


  • 0 Punkte für: "Der Burner", "Next Level Shit", "Total bescheuert", "Over-/underrated"...

  • 50 Punkte für: "Naja, ist Geschmackssache" oder ähnlich

  • 100Punkte für: "Es kommt darauf an, und zwar auf... (Argumente)"


Zurück zum Einstiegsthema: Praktikanten oder Berufseinsteiger sind per definitionem keine Berater (naja, manchmal schon, aber das ist ein anderes Thema), sondern werden unter anderem eingestellt, um berufliche Kompetenzen zu erwerben oder zu konsolidieren. Im Klartext: Die kriegen nicht so viel Knete wie erfahrene Kollegen, können von denen aber was lernen. Das finde ich einigermaßen fair.

Die Bachelorarbeit des Werksstudenten als Strategiepapier für eine Organisation herzunehmen, finde ich hingegen ziemlich unfair. Und außerdem ganz schön riskant. Liebe Grüße an einige Fast-Kunden :)


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Jirka Bacik. Unabhängige e-Learning-Beratung