• Jirka A. Bacik

Rapid e-Learning: Wenigstens ist es schnell vorbei

Meistens jedenfalls. Denn "Rapid e-Learning" bedeutet nicht, dass das Lernen schnell geht, sondern die Erstellung der Lernmaterialien. In aller Regel werden die nämlich aus PowerPoint-Präsentationen zusammengekloppt. Heutzutage kommt kaum ein Entwicklungstool für e-Learning-Content mehr ohne einen PPT-Konverter daher.

Einige Tools wie z.B. Articulate (um mal den bekanntesten Vertreter zu nennen) basieren sogar auf PowerPoint, d.h. sie sind keine eigenständige Applikation, sondern ein Plugin für PPT. Grundsätzlich ist das auch schlau, denn PowerPoint ist leicht zu bedienen und wartet mit einem beachtlichen Funktionsumfang auf: Man kann damit Vektorgrafiken erstellen, mit Timeline animieren, layouten, alle erdenklichen Medien integrieren und und und...


Und was PPT nicht kann, macht das Plugin: Navigation, Tests, komplexere Interaktionen. Das Ganze funktioniert in der Tat auch ziemlich einfach - und Anbieter suggerieren, dass es mit solchen Lösungen schnell und easy ist, tolle interaktive Lernanwendungen zu erstellen. Theoretisch stimmt das ja auch. Aber ein Tool ersetzt weder die konzeptionell-inhaltliche Arbeit noch grafisches oder didaktisches Know-How. Oder anders formuliert: Natürlich kann ich mit solchen Tools schnell und komfortabel e-Learning-Contents zusammenbauen. Aber sollte ich das auch?


Das ist in erster Linie eine ethische Frage: Jeder hat heute Zugang zu aller Art von Software und Veröffentlichungskanälen - und kann damit gleichermaßen Schönes, Bedeutendes und Nützliches wie Hässliches, Banales und Gefährliches fabrizieren. Mit quasi unbeschränkter Reichweite. Und niemand hält einen davon ab. Außer einer selbst.


Sollte ich meine Familie mit fies animierten Präsentationen oder Urlaubsvideos malträtieren, obwohl ich von Gestaltung, Timings, Fotografieren... keine Ahnung habe? Dank PPT, iMovie etc. kann ich es. Aber sollte ich? In den meisten Fällen nicht, aber in der Familie ist das nicht so schlimm; die Liebe kann das ab, ethisch unbedenklich. Anders sieht es vielleicht aus, wenn ich als Barbesitzer meine Cocktailkarte selber layoute. Das sieht dann möglicherweise scheiße aus und schädigt das Image meines Ladens. Ethisch auch noch relativ unbedenklich, denn ich schädige in erster Linie ja mich selber. Naja, und ich bin professionellen Grafikern gegenüber hochmütig, was bis ins Mittelalter als Todsünde gehandelt wurde.


Wie verhält es sich aber, wenn ich Lerninhalte aufbereite, weil ich die Tools dazu habe - aber nicht die Kompetenzen? (Zu den Kompetenzen im Einzelnen kommt noch ein spezieller Beitrag.) Dann bin ich nicht nur überheblich, sondern mute den Adressaten meiner Elaborate auch noch zu, sich mit inadäquat aufbereiteten Lerninhalten professionelle Kompetenzen draufschaffen zu müssen. Was im Normalfall schon irgendwie klappt (aber keineswegs effizient), im Extremfall aber total schief geht. Und letzterer Fall ist wahrscheinlicher, als man denkt, weil es in der e-Learning-Branche jede Woche einen neuen Hype gibt - der in den wenigsten Fällen etwas mit solidem didaktischen Design (oder wenigstens mit gesundem Menschenverstand) zu tun hat.


Und: Wenn es dann nicht funktioniert, heißt es oft: "E-Learning ist halt doch Quatsch" oder "Man muss eben doch viel mehr Geld investieren..." - und schon wird eine ganze Methodik oder Branche (e-Learning eben) pauschal diskreditiert. Die e-Learning-Branche zeigt sich auch hier wieder von ihrer widersprüchlichen Seite.


Wer also denkt, dass die Präse vom letzten Vertriebsmeeting mit so einem schnellen Tool mal eben zum hochwirksamen interaktiven e-Learning-Modul umfunktioniert werden kann, ist ganz schön optimistisch. Dann, so meine Empfehlung, schickt die Präse doch lieber so herum, wie sie ist.



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Jirka Bacik. Unabhängige e-Learning-Beratung